{"id":105,"date":"2021-05-12T14:13:03","date_gmt":"2021-05-12T12:13:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.borderland.me\/?p=105"},"modified":"2021-05-12T14:13:04","modified_gmt":"2021-05-12T12:13:04","slug":"verlustangst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.borderland.me\/index.php\/2021\/05\/12\/verlustangst\/","title":{"rendered":"Verlustangst"},"content":{"rendered":"\n<p>Nahezu jeder Borderliner leidet unter unglaublicher Verlustangst. <br>Doch warum ist das so?<br><br>Hierzu sollte man sich die Kindheit und Jugend der betroffenen Personen genauer ansehen.<br>Meist sind hier Dinge passiert, welche uns sehr gepr\u00e4gt haben und uns zu dem gemacht haben was wir nun sind.<br>Hier kann ich einige Dinge aus meiner Kindheit erz\u00e4hlen an die ich mich sehr deutlich erinnere und die ich zu den Mitausl\u00f6sern meiner Verlustangst z\u00e4hle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste wirkliche Erinnerung habe ich an einen Vorfall, bei dem meine Eltern zum Einkaufen fuhren.<br>Ich muss zwischen 4 und 5 Jahre alt gewesen sein, da wir damals noch in dem kleinen Dorf gegen\u00fcber der Kirche gewohnt haben. Ich hatte pl\u00f6tzlich panische Angst, dass meine Eltern einen Unfall gehabt haben k\u00f6nnten und nicht mehr wieder kommen. Sie waren wahrscheinlich gar nicht lange weg aber es f\u00fchlte sich f\u00fcr mich kleines Kind an wie eine Ewigkeit.<br>Die Panik wuchs immer weiter und ich fand mich schlie\u00dflich schluchzend und zitternd auf der Treppe neben der Haust\u00fcre wieder. Meinen t\u00fcrkisen Teddyb\u00e4ren hielt ich fest umklammert, so als k\u00f6nne er mich besch\u00fctzen falls Mama und Papa tot sind. Da ging pl\u00f6tzlich die T\u00fcre auf und meine Eltern waren wieder da.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ungef\u00e4hr 11 Jahre alt war hatten meine Familie und ich wohl eine der schlimmsten N\u00e4chte in unserem Leben.<br>Wir fuhren von einem Besuch aus der Pfalz bei meiner Gro\u00dfmutter wieder nach Hause. Es war eiskalt und schneite wie verr\u00fcckt. Ausgerechnet bei diesem Wetter blieb unser Auto mit einem Motorschaden liegen.<br>Es dauerte ewig bis der ADAC kam und uns mitsamt Auto nach Hause brachte. Da es schon mitten in der Nacht war steckten meine Eltern mich direkt nach der Ankunft ins Bett und ich bekam nicht mehr mit was in dieser Nacht noch Schreckliches passierte. Als ich am Morgen danach aufwachte war ich allein zuhause. Das hat mich schon unglaublich erschreckt.<br>Mein Bruder lebte in dem Stockwerk \u00fcber uns und ich bin nach oben gegangen weil ich nicht wusste wo alle sind.<br>Ich hatte schreckliche Angst, dass etwas passiert war. Es war etwas passiert. Mein Vater hatte in dieser Nacht vier schwere Herzinfarkte und lag auf der Intensivstation. Damals durfte Kinder noch nicht einfach auf die Intensivstation und so konnte ich nicht zu ihm. Das einzige was nach einiger Zeit ging war \u00fcber die Gegensprechanlage mit ihm ein paar Worte wechseln.<br>Uns wurde gesagt, dass er es nicht \u00fcberleben w\u00fcrde. Er solle nach Hause gehen und sich dort von seiner Familie verabschieden. Ich hatte wahnsinnige Angst. Er hat dank einer tollen Klinik doch noch viele Jahre \u00fcberlebt, aber die Angst wurde nicht weniger durch diese Geschehnisse.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich dachte es w\u00fcrde nicht schlimmeres mehr in meinem Leben passieren als das. Falsch gedacht.<br>Mit 13 Jahren war ich wieder einmal alleine zuhause und meine Eltern waren unterwegs als das Telefon klingelte.<br>Meine Tante war am Apparat und da au\u00dfer mir keiner da war erz\u00e4hlte sie mir vom Tod meiner Cousine.<br>Nadine und ich waren aufgewachsen wie Schwestern. Sie war k\u00f6rperlich und geistig von Geburt an schwer behindert aber da<br>wir gleich alt waren und einfach miteinander aufwuchsen st\u00f6rte uns das nicht. Wir verbrachte unglaublich viel Zeit miteinander und meine Mutter behandelte sie wie ihr eigenes Kind. Sie war gerade einmal 12 Jahre alt als sie in der Schule zusammenbrach und starb. Die Todesursache war ein Aneurysma. Ihr ist sozusagen die Halsschlagader geplatzt und sich verblutete innerlich. Ich bin zusammengebrochen und es dauerte eine gef\u00fchlte Ewigkeit bis meine Eltern nach Hause kamen.<br>Wieder hatte sich die Angst einen geliebten Menschen zu verlieren weiter verst\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter erlebte ich meine erste gro\u00dfe Liebe, wie fast jeder Teenager wohl in diesem Alter.<br>Unsere V\u00e4ter waren Arbeitskollegen und wir gingen auf die gleiche Schule. Alles f\u00fchlte sich toll an und nat\u00fcrlich bildet man sich in diesem Alter ein, dass h\u00e4lt f\u00fcr die Ewigkeit. Und es hielt auch immerhin bis zu meinem 18. Lebensjahr.<br>Da endete es allerdings mehr als unsch\u00f6n w\u00e4hrend eines Abends in der Dorfdisko. Ein mir v\u00f6llig fremder junger Typ erkl\u00e4rte mir, dass ich meinem bis dato Freund nicht mehr auf die Nerven gehen solle, da dieser sich nun in einer neuen Beziehung befinden w\u00fcrde. Ich blickte mich um auf der Suche nach ihm, wir waren schlie\u00dflich noch gemeinsam hier her gekommen, wie sollte er denn nun pl\u00f6tzlich eine Andere haben?! Da stand er, geh\u00e4ssig grinsend mit einem M\u00e4dchen aus der Parallelklasse im Arm. Alles begann sich zu drehen, mir wurde schlecht und ich verlor das Bewusstsein. Nach einiger Zeit kam ich wieder zu mir, jemand hatte mich auf einen Stuhl gepackt und mir eine Cola bestellt. Es tat einfach nur weh wieder einen geliebten Menschen verloren zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in den n\u00e4chsten Partnerschaften und meinen beiden Ehen ging es immer wieder um Betrug.<br>Ich erinnere mich an keine Partnerschaft in der mein Partner treu war. <br>Ich dachte wirklich, dass es keinen treuen Menschen auf der Welt gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Punkt, der meine Verlustangst endg\u00fcltig durch die Decke gehen lie\u00df wurde w\u00e4hrend meiner letzten Ehe nach 11 Jahren Beziehung erreicht. Mein Exmann betrog mich mit mindestens 6 anderen Frauen, unter anderem sogar mit Prostituierten auf Puerto Rico. Und dass sind nur die Frauen von denen ich wei\u00df, wahrscheinlich waren es noch weit mehr. Er hatte den Plan gefasst, mich so lange zu drangsalieren, bis ich entweder komplett verr\u00fcckt werde oder mir das Leben nehme. In jedem Fall wollte er sich mein Haus und alle Wertgegenst\u00e4nde vorher unter den Nagel rei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie man sieht ging es in meinem Leben schon immer nur um Lug und Betrug, um Tod und das Verlassenwerden.<br>Wen also wundert es, dass ein Bordi wie ich unter einer sehr ausgepr\u00e4gten Verlustangst leidet?<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist, dass man sich in solchen Situationen immer fragt, ob man gerade mit seinen Gef\u00fchlen in der Gegenwart ist oder im alten Erleben feststeckt. <br>Sind es alte D\u00e4monen, die einen qu\u00e4len oder wird man akut von Verlust bedroht? <br>Und falls es ein akutes Geschehen ist, wie schlimm wird mich dieser Verlust treffen? <br>Es gibt einen Unterschied zwischen Verlassenwerden und der Zeit, die ein Mensch einfach ab und zu gerne mit sich selbst verbringen m\u00f6chte. <br>Will mein Gegen\u00fcber Zeit ohne mich oder Zeit f\u00fcr sich? <br>Das ist eine wichtige Frage die man sich stellen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Holger zum Beispiel nimmt sich gerne eine Auszeit im Kloster um sich zu sammeln und Kraft f\u00fcr den Alltag zu sch\u00f6pfen.<br>Das hat aber nichts damit zu tun, dass er mich los haben m\u00f6chte oder keine Zeit mit mir verbringen will.<br>Er vermisst mich genauso sehr wie ich ihn und trotzdem ist es manchmal wichtig Zeit f\u00fcr sich selbst zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Angst verlassen zu werden, hat auch viel mit dem eigenen Selbstwert zu tun.<br>Als Borderliner h\u00e4lt man sich in der Regel nicht f\u00fcr besonders toll, so kann man sich eben auch nur sehr schwer vorstellen, dass ein anderer Mensch einen toll finden kann. Und doch ist es einfach so.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zu akzeptieren ist die gro\u00dfe Challenge.<br>Jeder von uns ist liebenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nahezu jeder Borderliner leidet unter unglaublicher Verlustangst. Doch warum ist das so? 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